Eignungsdiagnostik so alt wie die Menschheit

Schon immer und überall suchen Menschen nach Wissen und Erkenntnis. Nicht nur über ihre physische Umgebung, sondern auch über andere Menschen und über sich selbst. Andere Menschen, mit denen sie leben und arbeiten, wie auch Menschen, die sie lieben.

Auch in vergangenen Epochen gab es sinnvolle, empirisch überprüfte wie theoriegeleitet entwickelte Vorgehensweisen und Instrumente genau so wie die immer wieder anzutreffende verlockende wie sinnlose Suche nach Abkürzung und Silberkugeln.

eignungsdiagnostik.info ist die Informations- und Tutorialseite zu Einschätzungen von anderen Menschen in beruflichen Situationen.

Die Geschichte der Eignungsdiagnostik

Die Geschichte der Eignungsdiagnostik ist in vielen Teilen auch eine Geschichte der Auswahl von Kriegern

Die Bibel beschreibt Auswahl nach Verhaltensstichproben

Bereits in der Bibel wird erzählt, dass grundsätzlich eine Auswahl auf der Basis von Verhaltensstichproben getroffen werden solle: «Lass diese (die Diener) aber auch zuerst erprobt werden, dann lass sie dienen, wenn sie untadelig sind» (1. Tim 3,10).

Ebenfalls wird erzählt, die Auswahl von Soldaten im Staate Israel wurde mittels eines „Tests“ durchgeführt.[i] Danach sei Gideon von Gott berufen, ein Heer gegen die Midianiter aufzustellen. Seine eignungsdiagnostische Aufgabe: aus den vielen Männern die auszuwählen, die sich als Soldaten eigneten. Erster Schritt sei damals eine Befragung gewesen, zur  Selbstselektion: „Wer furchtsam und verzagt ist, kehre um und wende sich zurück…!“ (AT, Buch der Richter 7,1).

Unterwerfungsgesten und undurchsichige Assessment Center Übungen sind nicht neu. Sie werden schon in der Bibel beschrieben - Harald Ackerschott zur Candidate Experience Klick um zu Tweeten

Von 32.000 blieben 10.000 Männer und 22.000 wandten sich zurück. Der zweite Auswahlschritt sei eine Verhaltensstichprobe gewesen. „Jeden, der mit seiner Zunge vom Wasser leckt, wie ein Hund leckt, den stelle gesondert für sich; und auch jeden, der sich auf seine Knie niederlässt, um zu trinken!“ (AT, Buch der Richter 7,5).

Augenscheinlich handelte es sich um Verzichts- und Gehorsamkeitsübungen denn diejenigen, die mit ihrer Zunge das Wasser wie Hunde tranken, wurden als Kämpfer ausgewählt.

Nach der biblischen Geschichte scheinen die 300 Männer nach dem richtigen Prinzip ausgewählt worden zu sein, denn es wird erzählt, sie seien gegen die Übermacht im Feldzug siegreich geblieben.

 

Auch im alten China ging es um Fertigkeiten und Fähigkeiten

Auch vom alten China (1100 v.Chr.) werden Leistungsprüfungen für die Beamten beschrieben. In verschiedenen Prüfungen hätten sie jährlich ihre Führungseignung unter Beweis stellen müssen. Verhaltensstichproben hätten Fertigkeiten im Musizieren, Bogenschießen, Reiten, Schreiben, Rechnen umfasst, wie auch die Beherrschung von Umgangsformen.

Das beobachtete Verhalten wird in der diagnostischen Literatur als Stichprobe später verlangten Verhaltens (Repräsentationsschluss) beschrieben.

Insgesamt seien die Prüfungen deshalb notwendig gewesen, da es in China im Gegensatz zu Europa in dieser Zeit keine erbliche Ämtervergabe gegeben hätte und die Stabilität des Reiches von den Beamten gewährleistet worden sei.[ii]

Platon

Schon im alten Athen: Platon diskutierte Social Scoring

Platon beschreibt Social Scoring

Platon beschreibt in seinem Werk „Politeia“ die Auswahl der Herrscher aus den Wächtern. Er fordert damals schon eine Auswahl nach Haltung und Leistungsfähigkeit. Ihm sei es insbesondere um den Eifer der Kandidaten für das Wohlergehen der Stadt gegangen.[iii] Social Scoring ist keine Erfindung der Neuzeit oder gar der Chinesen: Platon beschreibt den Ansatz zur Auswahl von Führungskräften schon in Politeia. - Harald Ackerschott zur Geschichte der Eignungsdiagnostik und Verhaltensprognose. Klick um zu Tweeten

Dabei finden sich frühe Ansätze des Social Scoring kombiniert mit Elementen des späteren Marshmallow Experiments:

Die Bewerber sollten bereits früh in ihrer Kindheit beobachtet werden und Aufgaben lösen, bei denen man das Ziel leicht vergessen konnte. Diejenigen, die trotzdem ihre Ziele nicht aus den Augen verloren, seien ausgewählt worden. Auch ihr Verhalten bei Anstrengungen, Schmerzen und Wettübungen sei beobachtet, dokumentiert und bewertet worden.

Zu guter Letzt hätte der Ansatz beinhaltet, Bewerber auf der Short List in Angst und in Lust zu versetzen, um sie „weit mehr als das Gold im Feuer zu prüfen“. Wer aus allen Prüfungen „untadelig“ hervorginge, der solle zum Herrscher und Hüter der Stadt bestellt werden.[iv]

Dort zeigten sich Ansätze von Social Scoring, Stressinduktion und Leistungsprüfungen, die sich schon fast wie Führungsleitlinien oder ein Kompetenzmodell lesen. Jedenfalls geht es auch bereits um anschließende empirische Überprüfung. Vor dem Hintergrund, dass ein Feldzug bzw. die Übernahme eines Amtes ein gewisses Mindestmaß an Mut, körperlicher Tüchtigkeit und intellektueller Leistungsfähigkeit erfordert, ist es sinnvoll im Gespräch bzw. durch Tests zu ergründen, inwieweit ein gewünschtes Verhalten in der Auswahlsituation und in der Biografie zu beobachten ist.[v]

 

Auch in der Antike gab es Typentests

Typologische Ansätze finden sich in der Antike bereits bei Galenus (Arzt 129-199). Er entwickelte die Lehre von den „Vier Temperamenten“: dem Choleriker, dem Melancholiker, dem Sanguiniker und dem Phlegmatiker.[vi]

Autor unbekannt – http://www.infocop.es/view_article.asp?id=3859
Juan Huarte de San Juan (1529—1588)

Juan Huarte, Vater der Berufsberatung

Der Arzt Juan Huarte y Navarro (1522-1588) verfasste mit seiner Schrift „Prüfung der Köpfe zu den Wissenschaften“[vii] das erste Werk der differentiellen Psychologie.[viii] Sein Werk ist ein Meilenstein der differentiellen Psychologie.

Das Original heißt „Examen de ingenios“ und erinnert uns nebenbei, was für eine suggestive Kraft der deutsche Markenbegriff „Ingenieur“ in den Weltsprachen hatte. Er leitete sich direkt vom lateinischen Begriff für Begabung und Geist ab, der auf Niederländisch gleich auch Genie bedeutet.

Lessing übersetzte Huartes Werk 1752 ins prosaische Deutsche, da zu dieser Zeit kein vergleichbares Werk existierte und das Buch bereits den Status eines Standardwerkes einnahm. Verschiedensten Quellen nach habe sich das Werk in vielen bedeutenden Privatbibliotheken gefunden. Die Tatsache, dass es im Laufe der Zeit in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, unterstreicht die universale Bedeutsamkeit. Martin Franzbach, der 1968 die Lessing-Übersetzung mit einer kritischen Einleitung neu herausgab, listet von der Erstausgabe 1575 in Spanien bis zur Ausgabe Gainesville 1959 (Florida/USA) insgesamt 77 Ausgaben mit 89 Titelvarianten auf, darunter 31 Ausgaben in Spanisch, 25 in Französisch, 8 in Englisch, 7 in Italienisch, 3 in Lateinisch, 2 in Deutsch und 1 in Holländisch.[ix] Das Werk des Spaniers Huarte beeinflusste die europäische Geistesgeschichte bis ins 19. Jahrhundert stark.[x]

Im vorwort seiner Übersetzung erklärt Lessing: „Das Buch an sich selbst hat seine Vortrefflichkeit noch nicht verloren, ob gleich die Art zu philosophiren welche man darinnen antrift jetzo ziemlich aus der Mode gekommen ist. Es ist immer noch das einzige welches wir von dieser Materie, deren Einfluß in die ganze Gelehrsamkeit ganz unbeschreiblich ist, haben.“[xi]

Huarte beschäftigte sich umfassend mit dem Problem der Begabtenauslese und -förderung und legt den Grundstein für eine systematische Berufswahl.

Er wollte herausfinden, „was das für eine Natur sey die den Menschen zu einer Wissenschaft fähig und zu einer andern unfähig macht“.

Er verfolgt damals schon ein Modell der Intelligenz mit unterschiedlichen Dimensionen: Gedächtnis, Einbildungskraft[xii] und Intellekt.[xiii]

Dabei waren Gedächtnis und Verstand für ihn zwei unterschiedliche Fähigkeiten, die in verschiedenen Kombinationen in unterschiedlichen Begabungen für die Wissenschaften resultierten.[xiv]

Vom Ansatz war das Werk für hochstehende Eltern geschrieben, um ihnen eine Möglichkeit an die Hand zu geben, ihre Söhne nach ihren Begabungen zu fördern.

 

Phrenologie

Die anscheinend für Leichtgläubige und Sucher nach der Silberkugel attraktive Schädeldeutung ist eine Lehre des 19. Jahrhunderts, die von dem Arzt Franz Josef Gall (1758-1828) begründet wurde und von der Annahme ausgeht, dass persönliche Charakterzüge im Gesicht bzw. am Schädelbau zu erkennen sind. Der Begriff Phrenologie wurde von Galls Schüler J.G. Spurzheim eingeführt.[xv]

Obwohl die Physiognomik (Erkenntnis der psychischen Eigenart aus der sichtbaren Leibesgestalt) keine direkte Bedeutung für die Intelligenzmessung hat, beeinflusste sie die Differentielle Psychologie am Ende des 19. Jahrhunderts[xvi] und inspiriert noch heute Entwickler KI-gestützter eignungsdiagnostischer Verfahren auf der Jagd nach schnellem Geld.

 

Galton, der „Vater der Intelligenzmessung“

Im 19. Jahrhundert entstanden die Grundlagen der ernsthaften heutigen Form der Testpsychologie.

Francis Galton (1822-1911) gilt noch heute als „Vater des Intelligenztests“. Er erfand eine Reihe von einfachen Tests, die individuelle Unterschiede zeigten und auf statistischen Methoden basierten.[xvii] Aber auch er verfolgte Irrwege. Mitte der 1880er Jahre begann er in seinem „Anthropometric Laboratory“ den Kopfumfang verschiedener Menschen zu messen. Er ging davon aus, dass ein großer Kopfumfang ein Prädiktor für große Begabung sei.[xviii] In seinem bekanntesten Werk „Hereditary Genius, its Laws and Consequences“ (1865) stellt er die These auf, dass sich menschliche Fähigkeiten vererben („a man’s natural abilities are derived by inheritance“). Die Schlussfolgerungen, die er daraus zog, stellen ein eigenes gesellschaftspolitisches Thema dar.

Professionalisierung der Psychologie

Ihr Einsatz für das Militär und Kriegswesen war ein bedeutender Treiber der Professionalisierung der Psychologie insgesamt und der Eignungsdiagnostik im Speziellen.

In England übernahm die englische Regierung 1855 die Auswahltests der Ostindischen Kompanie   auch für die Auswahl der Kolonialbeamten für den Dienst in Ägypten oder Indien. Sie basierte auf Verhaltensstichproben.

In den USA wurden bereits während des Ersten Weltkrieges in der Armee testpsychologische Verfahren in einem großen Umfang eingesetzt. Die amerikanische Armee testete mit dem berühmten „Army-Alpha-Test“ ca. 1,7 Millionen Rekruten. Die Tests stuften die Intelligenzleistungen der Rekruten nach den amerikanischen Schulnoten A bis E ein. Auf dieser Basis wurden sie für den richtigen Einsatzbereich aufgeteilt.

Während des Zweiten Weltkrieges diente die Psychologie der Auslese, der Meinungsforschung und klinischen Rehabilitation. [xix]

Während des Vietnamkrieges war das Pentagon der größte Geldgeber sozialwissenschaftlicher Forschung insgesamt. [xx]

In Kanada trat die Psychologie als wissenschaftliche Disziplin überhaupt erst durch ihren Einsatz im Zweiten Weltkrieg in Erscheinung.

Das Personal Data Sheet von Woodworth (1918) ist eine Sammlung von 116 Fragen. Durch diese Fragen sollten die langwierigen Psychiaterinterviews ersetzt werden, welche während des Ersten Weltkrieges mit Soldaten des Expeditionskorps der USA durchgeführt wurde, um herauszufinden, ob diese den psychischen Belastungen des Krieges gewachsen sein würden.[xxi]

Die weitere Entwicklung der Eignungsdiagnostik ist eng verbunden mit gesellschaftlichen, ökonomischen und sozialen Problemen, die man mit dem Einsatz geeigneter Tests zu lösen suchte.

So resultierte die Entwicklung der Intelligenztests von Binet und Simon aus den Jahren 1908-1911 aus einer Anweisung des französischen Bildungsministerium, dass die Zuordnung von Kindern in Sonderschulen nicht allein auf subjektiven Einschätzungen beteiligter Personen, sondern nur anhand medizinisch-pädagogischer Gutachten erfolgen durfte.[xxii]

Am 28. April 2020 wurde dazu aktuell in mehreren Leitmedien berichtet. 

Dies war nämlich der Jahrestag der ersten Vorstellung eines Intelligenztestes überhaupt, der bereits im Jahr nach dem ersten Auftrag präsentiert wird am 28. April 1905.

Der Test bestand aus 30 Aufgaben, und erfasste damals so unterschiedliche Dimensionen wie Beobachtungen von Augenbewegungen und Greifen, Gedächtnisleistungen und Wortschatz. 

Der Jahrestag der Erfindung des IQ liegt 9 Tage früher, es ist der 19. April 1912 hat viele Missverständnisse ausgelöst, denn ein Quotient ist das Ergebnis einer Division: Intelligenzalter (Das Ergebnis eines Tests. in Relation zum Alter anderer Kinder, die das selbe Ergebnis erreichen) geteilt durch Alter. Das macht grundsätzlich nur bei Kindern Sinn, um die Entwicklungsstufe im Vergleicht zur Altersgruppe zu schätzen. Der IQ ist daher ein unsinniger Gedanke bei Erwachsenen, hält sie als Begriff aber hartnäckig.

Der deutsche Psychologe William Stern „dividiert das Intelligenzalter durch die Anzahl der realen Lebensjahre und erfindet mit der Formel den Intelligenzquotienten, den IQ. Forscher, die auf seine Lehre aufbauen, multiplizieren den Quotienten später mit 100, um ganzen Zahlen zu erhalten. Eine Beispielrechnung: Ein fünfjähriges Kind löst die Fragen für Sechsjährige. Das Intelligenzalter 6 geteilt durch das Lebensalter 5, mal 100 – das Kind hat einen IQ von 120, ist also überdurchschnittlich intelligent. Wenn ein Zehnjähriger jedoch die Aufgaben der Elfjährigen lösen kann, hat er nur einen IQ von 110.“

“Der Begriff IQ mach nur bei Kindern Sinn, hält sich aber hartnäckig.“ Zur Geschichte der Eignungsdiagnostik auf eignungsdiagnostik.info Klick um zu Tweeten

Deutschland

Das erste psychologische Laboratorium durch Wilhelm Wundt wurde im Kaiserreich 1879 in Leipzig gegründet. Er gilt als der Begründer der Psychologie als eigenständige Wissenschaft.

Zunächst befasste sich auch in Deutschland vornehmlich das Militär mit psychologischen Auswahlverfahren.[xxiii] Das Militär ist ja auch der Brutkasten von VUCA und frühen Formen von Agilität. Aber auch zivile Anwendungen und Aufgabenstellungen traten hevor.

So stellte zum Beispiel die Bedienung der Eisenbahn, des Fortbewegungsmittels des neunzehnten Jahrhunderts, neue Anforderungen an sensorische, kognitive, emotionale und motorische Fähigkeiten. Diese Zeit wurde durch die dampfgetriebene Transformation geprägt. Körperliche Berufsaufgaben wurden durch intellektuelle Aufgaben der Anlagen- und Maschinensteuerung ergänzt.

Zwischen 1915 und 1918 wurden in der Reichswehr etwa 24.000 Kraftfahranwärter Ausleseverfahren unterzogen und psychotechnische Untersuchungen an Flugzeugführern, Artilleriebeobachtern und Funkern durchgeführt.

Durch das Aufbrechen der feudal-ständischer gesellschaftlicher Strukturen wurde die suggestive Einheit von „Position“ in einer Organisation und (gesellschaftlicher) „Position“ eines Individuums immer mehr durch eine stärkere Orientierung an Leistungen und Fähigkeiten bei der Stellenbesetzung ersetzt.[xxiv]

In der Folge fand ein Teil der Entwicklung auch in Deutschland in den unterschiedlichen militärischen Organisationen statt und resultierte in der Entwicklung unterschiedlicher Leistungstests. Darüber hinaus verfolgten die unterschiedlichen Militärorganisationen auch das manipulative Ziel, Einstellungen, Haltungen und Werte oder allgemein „Charakter“ zu vereinheitlichen.

Während in der Folgezeit in den USA psychometrische Systeme hauptsächlich im Bereich Schule eingesetzt wurden, erhielt in Deutschland die angewandte Psychologie auch in der Wirtschaft ein großes Betätigungsfeld, die sog. Psychotechnik. Seit 1919 wurde die Mitwirkung der Psychotechnik bei der Berufsberatung staatlich empfohlen und auch von den Gewerkschaften zur Eignungsfeststellung bei Lehrlingen gefordert. Im Jahr 1926 gab es bereits 110 psychotechnische Prüfstellen bei Industriefirmen. Ebenso wurden in Arbeitsämtern, bei der Reichsbahn, der Reichspost, der Reichswehr und anderen Institutionen Untersuchungen durchgeführt. Curt Piorkoswki – 1919 im Osram-Werk als betriebspsychologischer Beirat eingestellt – war einer der ersten unmittelbar in der Industrie beschäftigten Psychologen.[xxv]

 

Nationalsozialismus

Im Nationalsozialismus wurde die Wehrmachtspsycholgie etabliert und weiterentwickelt. Die Psychologie wurde immer stärker von ihrer militärischen Anwendung geprägt. Der psychologische Dienst der Wehrmacht war mit 150 Mitgliedern die größte fachpsychologische Organisation der Welt.[xxvi] An den deutschen Universitäten wurden Lehrstühle für Psychologie eingerichtet.

Gleichzeitig war diese Zeit ein enormer Braindrain für die deutsche Psychologie, wie für andere Wissenschaften, durch den Verlust von Willian Stern, Max Wertheimer, Otto Salz, Wolfgang Köhler, Gustaf Kafka, David Katz, Kurt Lewin, Karl und Charlotte Bühler, Kurt Huber und anderer brillianter Köpfe.

Diese Zeit ist durch Vertreibung und Gleichschaltung geprägt. Psychologie war nicht mehr nur Wissenschaft sondern zum großen Teil Ideologie. Die in dieser Zeit entwickelten Theorien haben heute, bis auf die Gestaltpsychologie, ihre Bedeutung verloren. Die Professoren dieser Zeit lehrten jedoch an Deutschen Hochschulen teilweise bis in die Siebziger Jahre.

 

Nachkriegszeit

Zwischen 1945 und den frühen 70er Jahren änderte sich die Personalpolitik westdeutscher Unternehmen entscheidend. Man kann diese Phase als Prozess einer zunehmenden Verwissenschaftlichung beschreiben.

Während in den 50er Jahren noch kaum Psychologen in den Unternehmen angestellt waren, gründeten diese ein externes Institut „Arbeitsgemeinschaft für Soziale Betriebsgestaltung“. Gerade die chemisch, pharmazeutisch und elektrotechnische Industrie begannen relativ früh betriebspsychologische Abteilungen einzurichten, so z.B. bei Siemens 1951, bei Glanzstoff 1953 (später ENKA, gehört heute AKZO) und bei Merck 1954.  Die eingestellten Psychologen hatten eine doppelte Aufgabe zu erfüllen. Auf der einen Seite sollten sie i.S. des Unternehmens einen Beitrag zur Wirtschaftlichkeit des Unternehmens leisten und auf der anderen Seite waren sie der persönlichen Entfaltung der Menschen verpflichtet. Ihre Hauptaufgabe bestand jedoch in der Selektion von Bewerbern.[xxvii]

Diesem Beispiel folgten in der zweiten Hälfte der 60er Jahre nun viele der größeren deutschen Firmen, indem sie Personal-Experten einstellten.[xxviii]

Die 70er Jahre waren geprägt von einer grundlegenden Änderung der betrieblichen Praxis. Das Leitbild eines „kooperativen Führungsstils“ verdrängte das alte Konzept der „Betriebsgemeinschaft“. Gleichzeitig fand eine Reorganisation der Unternehmensstruktur statt, innerhalb dessen sich die Personalabteilungen ausdifferenzierten.[xxix]

 

2000 folgende

Persönlichkeits- und Intelligenztests wurden in den Nuller Jahren in Deutschland vergleichsweise selten in der personaldiagnostischen Praxis eingesetzt. Eine aktuellen Studie[xxx] belegt, dass nur ca. 20% der deutschen Unternehmen Persönlichkeitstests zur Personalauswahl einsetzen. Im Vergleich dazu werden sie in Frankreich, Belgien und Großbritannien öfter eingesetzt (21-50%); in Spanien sind sie in vielen Fällen üblich (51-80%).[xxxi]

 

Aktuell

Aktuell zeichnet sich die Professionalisierung in der Eignungsdiagnostik durch eine lebendige Debatee und ein Ringen um Qualität und Effizienz aus.

In 2020 ist eine neue Dynamik zu erkennen. 2020 wird das Jahr der Eignungsdiagnostik, denn nur mit guter Eignungsdiagnostik sind die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen.

Die besondere, aktuelle Konstellation wird das begünstigen:

Laufend neue und wechselnde Anforderungen und Aufgaben sind in fast allen Jobs zu beobachten. Der Automechaniker ist schon lange kein „Mechaniker“ im Wortsinn mehr und auch die  Apothekenhelferin oder der Arzt, der LKW Fahrer genauso wie Expertinnen und Experten in Bank- und Versicherungswesen wie auch andere Büroberufe oder Berufe in der industriellen Fertigung, in Produktion und Service, verändern sich.

Dazu kommt die wachsende Transparenz von Arbeitsbedingungen, die Fehlentscheidungen in der Personalauswahl über Bewertungsportale eine ganz neue Dimension und Reichweite von Öffentlichkeit eröffnet.

Auch die Möglichkeit, dass hochqualifizierte Mitarbeiter mehr und mehr den Arbeitsmarkt umdrehen in einen Bewerbermarkt, macht Hire und Fire, den klassischen Ansatz, Fehlentscheidungen zu korrigieren obsolet. 

Im Gegenteil, Ghosting und Kündigungen in der Probezeit von Arbeitnehmerseite, ohne Sorge, sich den Lebenslauf zu „versauen“, zeigen wie sich Hire und Fire als Korrektur von Fehlentscheidungen umgekehrt in „sign and resign“.  Agilität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hält mit „fail fast“ Einzug. 

Daher wird es immer dringlicher, das Unternehmen, Behörden wie auch NGOs, die alle in einem Wettbewerb auf dem Bewerbermarkt stehen, sich Mühe geben bei der Personalauswahl. Das gegenseitige Kennenlernen, die Begegnung auf Augenhöhe und die Wirksamkeit der gegenseitigen Auswahl stellen die Weichen für eine gelungene und dauerhafte Zusammenarbeit.

Auch folgende Überlegungen sind im Hinblick auf die Bewertung der aktuellen Situation spannend:

Robert Heiß führt im Handbuch der Psycholog im Kapitel Psychologische Diagnostik: in der Einführung aus, dass soziale Hierarchie ein Auswahlsystem bedinge und Kriterien der Unterscheidung verlange. Dabei gelte: „Je stabiler die gesellschaftliche Rangordnung, desto unabhängiger sind die Auswahlkriterien von der Leistung. Je beweglicher eine Rangordnung ist, desto wichtiger werden die Prüf- und Auswahlsysteme für eine Gesellschaft.“[xxxii]

Nicht nur vor dem Hintergrund der Ergebnisse der letzten Pisastudien wäre die Perspektive einer beweglicheren Rangordnung in unserer Gesellschaaft eine gute Nachrichte.

Technologisch sind Lösungen zu erkennen, die die positive Entwicklung fördern. Aufwendige persönliche Assessments werden mehr und mehr durch online Assessments ersetzt. Auch der Bologna Prozess in der universitären Bildung leistet einen Beitrag. Er hat zu einer stetig größeren Zahl von Psychologinnen und Psychologen geführt, die Unternehmen als besonders qualifizierte Kräfte zu diesem Thema zur Verfügung stehen.

Missstände und Scharlatanerie werden vermehrt offen und kritisch in den sozialen Medien angesprochen und nicht zuletzt stellt in dieser Debatte die DIN 33430 eine nicht zu unterschätzende Orientierungshilfe dar.

Mit der Veröffentlichung des erklärenden Kommentars haben wir ebenfalls einen Beitrag geleistet, Eignungsdiagnostik im deutschsprachigen Raum noch zugänglicher zu machen. 

Wir tragen auch durch praktische Lösungen dazu bei, Personalentscheidungen besser zu machen:

 

Literatur:

Ackerschott, Harald; Gantner, Norbert; Schmitt, Prof. Dr. Günter: Eignungsdiagnostik: Qualifizierte Personalentscheidungen nach DIN 33430, Berlin 2016

Amelang, Manfred /Lothar Schmidt-Atzert: Psychologische Diagnostik und Intervention, Heidelberg 2006.

Fancher, Raymond E.: Francis Galton and Phrenology. In: Psychologie et Histoire 2/2001, S. 131–147.

Fisseni, Hermann-Josef /Yvonne Preusser: Historische, gesellschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen, in: F. Petermann, M. Eid (Hg.): Handbuch der Psychologischen Diagnostik, Göttingen 2006, S. 26-34.

Freudenfeld, Regina: Gedächtnis-Zeichen. Mnemologie in der deutschen und französischen Aufklärung, Tübingen 1996.

Galton, Francis: Hereditary genius. An inquiry into its laws and consequences, London 1892.

Ganser, H. W: Militärpsychologie, in: Handwörterbuch Psychologie, R. Asanger, G. Wenninger (Hg.), München/Weinheim 1988, S. 459-467.

Geuter, Ulfried: Die Professionalisierung der deutschen Psychologie im Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 1984.

Geuter, Ulfried: Polemos panton pater – Militär und Psychologie im Deutschen Reich 1914-1945, in: M.G. Ash/U. Geuter (Hg.): Geschichte der deutschen Psychologie im 20. Jahrhundert. Ein Überblick, Opladen 1985, S. 146-171.

Giger, Matthias: Huartes Prüfung der Köpfe zu den Wissenschaften, in: SwissGifted, 1/2008, http://www.swissgifted.ch/sg01_giger.pdf.

Grossmann, Karl-Josef: Die Entwicklung der Intelligenzmessung, in: Handbuch der Psychologie. 6. Bd. Psychologische Diagnostik, Göttingen 1971, S. 147-199.

Gundlach, Horst: Psychologie und Psychotechnik bei der Eisenbahn, http://psydok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2006/740/pdf/gundlach_01.pdf

Heiß, Robert: Psychologische Diagnostik: Einführung und Überblick, in: Handbuch der Psychologie. 6. Bd. Psychologische Diagnostik, Göttingen 1971, S. 3-16.

Huarte, Juan: Examen de Ingenios para las ciencias, Baeza 1575. Übersetzt von G. E. Lessing 1752.

Huarte, Juan: Prüfung der Köpfe zu den Wissenschaften, (Hg.) Martin Franzbach, München 1968.

Hülsheger, Ute R. / Günter W. Maier: Persönlichkeitseigenschaften, Intelligenz und Erfolg im Beruf. Eine Bestandsaufnahme internationaler und nationaler Forschung, in: Psychologische Rundschau, 59 (2) 2007, S. 108-122.

Jaeger, Siegfried: Zur Herausbildung von Praxisfeldern der Psychologie bis 1933, in: M.G. Ash/U. Geuter (Hg.): Geschichte der deutschen Psychologie im 20. Jahrhundert. Ein Überblick, Opladen 1985, S. 83-112.

Kapferer, Norbert: Die Nazifizierung der Philosophie an der Universität Breslau 1933-1945, Münster 2001.

Mohr, Winfried: „Unser Seelenleben im Kriege“. Zur militärischen Anwendung der Psychologie, in: Informationsdienst Wissenschaft und Frieden 2/1985, S. 6-8.

Müller-Brettel, Marianne: Dual use in der Psychologie. Militärpsychologie, ein wichtiges und legitimes psychologisches Forschungs- und  Berufsfeld?, in: Wissenschaft und Frieden 1/1993, http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wuf/wf-93/9310601m.htm, Zugriff am 23.04.2008.

Platon: Politeia, in: (Hg.) Karlheinz Hülser, Frankfurt/M./Leipzig 1991.

Rosenberger, Ruth: Der schwierige Dialog. Betriebspsychologen und Unternehmenskommunikation in Westdeutschland 1945-1980, in: Moritz Föllmer (Hg), Sehnsucht nach Nähe. Interpersonale Kommunikation in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert, Stuttgart 2004, S. 175-195.

Rosenberger, Ruth: Von der sozialpolitischen zur personalpolitischen Transformationsstrategie. Zur Verwissenschaftlichung betrieblicher Personalpolitik in westdeutschen Unternehmen 1945 bis 1980, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 1/2005, S. 63 – 82.

von Lersch, Philipp: Der Aufbau des Charakters, Leipzig 1938.

[i] Robert Heiß: Psychologische Diagnostik: Einführung und Überblick, in: Handbuch der Psychologie. 6. Bd. Psychologische Diagnostik, Göttingen 1971, S. 3-16, S. 5.

[ii] Manfred Amelang/Lothar Schmidt-Atzert, a.a.O., S. 17f.

[iii] Platon: Politeia Bd. III/2.2.5.1, (Hg.) Karlheinz Hülser, Frankfurt/M./Leipzig 1991, S. 255.

[iv] Platon, a.a.O., S. 257.

[v] Manfred Amelang/Lothar Schmidt-Atzert, a.a.O., S. 18.

[vi] Hermann-Josef Fisseni/Yvonne Preusser: Historische, gesellschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen, in: F. Petermann, M. Eid (Hg.): Handbuch der Psychologischen Diagnostik, Göttingen 2006, S. 26-34, S. 27.

[vii] Juan Huarte: Examen de Ingenios para las sciencias, Baeza 1575. Übersetzt von G. E. Lessing 1752.

[viii] Matthias Giger: Huartes Prüfung der Köpfe zu den Wissenschaften, in: SwissGifted, 1/2008, http://www.swissgifted.ch/sg01_giger.pdf.

[ix] So lautet das Urteil von Martin Franzbach der 1968 die Lessing-Übersetzung mit einer kritischen Einleitung neu herausgab. Juan Huarte: Prüfung der Köpfe zu den Wissenschaften, München 1968, S. 20ff.

[x] Regina Freudenfeld: Gedächtnis-Zeichen. Mnemologie in der deutschen und französischen Aufklärung, Tübingen 1996, S. 143.

[xi] Gotthold Ephraim Lessing: Prüfung der Köpfe zu den Wissenschaften, Ort? 1752, S. ?

[xii] G. Wahrig: Deutsches Wörterbuch, Gütersloh/München 1986, S. 384 definiert Einbildungskraft als die “Fähigkeit, sich etwas deutlich vorzustellen, sich auszudenken, wie etwas sein könnte, Vorstellungskraft, Phantasie”.

[xiii] Juan Huarte, 1768, S. 168ff.

[xiv] R. Freudenfeld: Gedächtnis-Zeichen. Mnemologie in der deutschen und französischen Aufklärung, Tübingen 1996, S. 144.

[xv] Brockhaus Enzyklopädie, 14. Band OST – POQ, Wiesbaden 1972, S. 581.

[xvi] Karl-Josef Grossmann, a.a.O., S. 149.

[xvii] Robert Heiß: Psychologische Diagnostik: Einführung und Überblick, in: Handbuch der Psychologie. 6. Bd. Psychologische Diagnostik, Göttingen 1971, S. 3-16, S. 6.

[xviii] Raymond E. Fancher: Francis Galton and Phrenology. In: Psychologie et Histoire 2/2001, S. 131–147.

[xix] H. W. Ganser: Militärpsychologie, in: Handwörterbuch Psychologie, R. Asanger, G. Wenninger (Hg.), München/Weinheim 1988, S. 459-467, S. 459.

[xx] U. Geuter: Polemos panton pater – Militär und Psychologie im Deutschen Reich 1914-1945, in: M.G. Ash/U. Geuter (Hg.): Geschichte der deutschen Psychologie im 20. Jahrhundert. Ein Überblick, Opladen 1985, S. 146-171, S. 167.

[xxi] M. Amelang, L. Schmidt-Atzert, a.a.O., S. 18.

[xxii] M. Amelang, L. Schmidt-Atzert, a.a.O., S. 18.

[xxiii] Rodenwaldt, E.: Aufnahme des geistigen Inventars  Gesunder als Maßstab für Defektprüfungen bei Kranken. Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie 17, 1905, S. 17-84.

[xxiv] Siegfried Jaeger: Zur Herausbildung von Praxisfeldern der Psychologie bis 1933, in: M.G. Ash/U. Geuter (Hg.): Geschichte der deutschen Psychologie im 20. Jahrhundert. Ein Überblick, Opladen 1985, S. 83-112, S. 84.

[xxv] Siegfried Jaeger: Zur Herausbildung von Praxisfeldern der Psychologie bis 1933, in: M.G. Ash/U. Geuter (Hg.): Geschichte der deutschen Psychologie im 20. Jahrhundert. Ein Überblick, Opladen 1985, S. 83-112, S. 102f.

[xxvi] Winfried Mohr: „Unser Seelenleben im Kriege“. Zur militärischen Anwendung der Psychologie, in: Informationsdienst Wissenschaft und Frieden 2/1985, S. 6-8.

[xxvii] Ruth Rosenberger: Der schwierige Dialog. Betriebspsychologen und Unternehmenskommunikation in Westdeutschland 1945-1980, in: Moritz Föllmer (Hg), Sehnsucht nach Nähe. Interpersonale Kommunikation in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert, Stuttgart 2004, S. 175-195, S. 181.

[xxviii] Ruth Rosenberger: Von der sozialpolitischen zur personalpolitischen Transformationsstrategie. Zur Verwissenschaftlichung betrieblicher Personalpolitik in westdeutschen Unternehmen 1945 bis 1980, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 1/2005, S. 63 – 82.

[xxix] R. Rosenberger: Der schwierige Dialog. … S. 193.

[xxx] R. Schuler/B. Hell/ S. Trapmann/ H. Schaar/ I. Boramir: Die Nutzung psychologischer Verfahren der externen Personalauswahl in deutschen Unternehmen – ein Vergleich über 20 Jahre, in: Zeitschrift für Personalpsychologie 02/2007, S. 60-70.

[xxxi] Ute R. Hülsheger/ Günter W. Maier: Persönlichkeitseigenschaften, Intelligenz und Erfolg im Beruf. Eine Bestandsaufnahme internationaler und nationaler Forschung, in: Psychologische Rundschau, 59 (2) 2007, S. 108-122, S. 111.

[xxxii] Robert Heiß: Psychologische Diagnostik: Einführung und Überblick, in: Handbuch der Psychologie. 6. Bd. Psychologische Diagnostik, Göttingen 1971, S. 3-16, S. 4f.