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„Denken“ gekapert

Denken macht den Unterschied …

… schrieb ich am 8. März 2020 in einem Artikel zur Intelligenz, dem im beruflichen Kontext wichtigsten Persönlichkeitsmerkmal: https://eignungsdiagnostik.info/intelligenz-denken-macht-den-unterschied

Seitdem ist viel passiert. Über Corona wurde viel gesagt und geschrieben und ich möchte zu diesem Thema meine Kompetenzen nicht überdehnen und mich heute auf eins konzentrieren:

Der Begriff „Denken“ wurde gekapert.

Eine Gruppe von Aluhutträgerinnen und -trägern, Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretikern und ich weiß nicht wie zu qualifizierende weitere Menschen, nennen sich seit Mitte letzten Jahres die „Querdenker“. Das ist ein zusammengesetztes Wort bei dem „Quer“ (nur) die Vorsilbe ist. Denken ist der Bedeutungsträger! 

Und die, die sich so nennen, zeichnet sich durch vieles aus, aber ganz bestimmt nicht durch gutes „Denken“. Das allein wäre erst mal gar nicht kommentarwürdig, wenn nicht fast die gesamte öffentliche Wahrnehmung sie geadelt hätte. Der Begriff wurde in der öffentlichen Berichterstattung übernommen und verbreitetet.

Wer wird durch dieses Branding geadelt?

Liebe Leserinnen und Leser, stellen Sie sich bitte einmal vor, ich würde mich selbst als den klügsten Menschen der Welt bezeichnen. Niemand würde darüber berichten. Wenn ich es aber irgendwie schaffen würde, etwa durch eine aufsehenerregende Performance vor Angela Merkels Kanzleramt in Berlin, dann würde darüber vielleicht so geschrieben werden:

„Harald Ackerschott aus Bonn, der vor Merkels Kanzleramt demonstrierte und so anmaßend war, sich selbst als klügsten Menschen der Welt zu bezeichnen, bekundete seine uneingeschränkte Zustimmung zur Regierungspolitik.“

Es würde wohl niemand schreiben:

“Der klügste Mann der Welt lobt Bundesregierung.“

Jedenfalls hoffe ich, dass Journalistinnen und Journalisten in Deutschland das nicht schreiben würden. Warum schreiben also so viele über diese Gruppe, die sich selbst als Querdenker bezeichnen, so als wären sie das wirklich?

Die Coronaleugner und die Presse

Erst am 31. Dezember 2020 schrieb Dr. Jens Münchrath im Handelsblatt: Die Irrtümer der Querdenker – Zwischen Kulturkampf und Glaubenskrieg „Beißende Polemik, faktenfreie Behauptungen, ökonomische Fehlkalküle: Die Coronakrise erschüttert Deutschland in seinen Grundfesten.“

In seinem Artikel arbeitet er ausführlich und ansonsten durchaus angemessen die Irrwege und falschen Argumente. Aber immer wieder adelt er die Selbsternannten und übernimmt das anmaßende Etikett, anstatt selbst kreativ nach einem angemesseneren Begriff für diese Gruppe zu suchen.  

Im ZDF ist sogar für Mitte Januar angekündigt: „Am Puls Deutschlands – Der Querdenker-Effekt. Kann uns Corona spalten?“

Wird Jochen Breyer sogar einen Querdenker Effekt ausrufen, der den Begriff des Denkens, insbesondere des Nachdenkens über eingefahrene Lösungen und das Suchen nach neuen Sichtweisen vollkommen in Verruf bringt?

Auch wenn Alexander Dinger und Ulrich Kraetzer am 3. Januar in ihrem Beitrag in der Berliner Morgenpost konsequente Anführungszeichen setzten: „“QUERDENKER“-BEWEGUNG Die Logik ist in Corona-Zeiten irgendwie ausgesetzt“ so wissen wir doch seit Philipp Jenninger, dass man Anführungszeichen nicht sprechen kann. Und auch im Schriftlichen wirken die zahllosen Wiederholung mehr als die Anführungszeichen. 

Die FAZ textet mit Anführungszeichen: „NACH VERBOT IN BERLIN: „Querdenken“-Initiator ruft zu Demo-Pause auf“

Deutschlandfunk am 4. Januar 2021:  Was AfD und Querdenker mit Verbreitung des Coronavirus in Deutschland zu tun haben

Stern: „Sehen Sie im Video: Polizei setzt Demo-Verbot für Querdenker in Nürnberg durch.“

Selbst Cicero, nach eigenem Bekunden „höchsten journalistischen Qualitätsansprüchen verpflichtet“ textet: „NACH QUERDENKEN-DEMO IN LEIPZIG: „Ein pauschales Verbot von Versammlungen wäre sicherlich verfassungswidrig““

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen…

Meine Bitte für die Berichterstattung in 2021:

Eine angemessene und sachlich richtige Etikettierung für die Coronaleugner und Verschwöungsaktivisten. Eine Würdigung des guten Denkens und der Intelligenz als wichtig zur Lösung von schwierigen und neuen Aufgabenstellungen.

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